„Wir könnten es wie andere machen – aber das ist nicht unser Weg“
„Wir könnten es wie andere machen –
aber das ist nicht unser Weg"
Im Interview mit Kenan Yildirim
„Wir könnten es wie andere machen – aber das ist nicht unser Weg"
Kenan Yildirim über zehn Jahre Vorstandsarbeit, Rekordzahlen und warum der SV 07 lieber auf Trainer wartet, als Kinder schlecht zu betreuen.
Kenan, fast zehn Jahre Vorstandsarbeit gemeinsam mit Oualid Mokhtari. Das ist im Amateurfußball keine Selbstverständlichkeit. Was hält euch zusammen?
Wir haben eine gemeinsame Vision für diesen Verein. Das klingt vielleicht groß, aber im Kern ist es einfach: Wir wollen den SV 07 nachhaltig entwickeln. Nicht von Saison zu Saison denken, sondern langfristig. Und dafür braucht es Beständigkeit in der Führung. Wenn alle zwei Jahre ein neuer Vorstand kommt, fängst du immer wieder bei null an.
Die Zahlen sprechen für sich: Über 500 Mitglieder, 23 Mannschaften, davon mehr als 16 im Jugendbereich. Ein Vereinsrekord.
Ja, das Wachstum ist enorm. Vor ein paar Jahren hätte ich das nicht für möglich gehalten. Aber – und das muss man ehrlich sagen – es bringt auch neue Herausforderungen mit sich. Mehr Mitglieder bedeuten mehr Verantwortung, mehr Organisation, mehr Bedarf an allem.
Ihr seid aber nicht nur im Fußball gewachsen.
Richtig. Wir haben dieses Jahr Kinderturnen als neue Sparte aufgemacht. „Löwenstark“ heißt das Programm, geleitet von Marina Schiffer. Die Resonanz hat uns selbst überrascht: 30 bis 40 Neuanmeldungen innerhalb kürzester Zeit. Das zeigt, dass der Bedarf da ist – und dass die Leute dem SV 07 vertrauen.
Was bedeutet das für den Verein?
Es zeigt, dass wir mehr sein können als nur ein Fußballverein. Wir erreichen Familien, die vorher keinen Bezug zu uns hatten. Die Kinder turnen heute bei uns, und vielleicht kicken sie in ein paar Jahren in einer unserer Jugendmannschaften. Oder ihre Eltern engagieren sich ehrenamtlich. So wächst ein Verein von innen.
Gleichzeitig habt ihr die Jugendaufnahme im Fußball gestoppt. Das klingt widersprüchlich.
Das war keine leichte Entscheidung. Aber uns fehlen schlicht qualifizierte Trainer. Wir könnten es wie manche Nachbarvereine machen und einfach irgendjemanden an die Seitenlinie stellen. Hauptsache, die Mannschaft läuft. Aber das ist nicht unser Anspruch.
Was ist euer Anspruch?
Wir wollen Kinder richtig ausbilden. Fußballerisch, aber auch menschlich. Das geht nur mit Leuten, die wissen, was sie tun. Und wenn wir das nicht gewährleisten können, dann nehmen wir lieber keine neuen Kinder auf, als sie schlecht zu betreuen. Das mag manchen nicht gefallen, aber ich stehe dahinter.
Hat sich dieser Ansatz bewährt?
Die Ergebnisse sprechen für sich. Wir haben in den letzten Jahren Talente an Mainz 05, Eintracht Frankfurt, FSV Frankfurt, Wehen Wiesbaden und Darmstadt 98 vermittelt. Das sind keine Zufallstreffer – das ist das Ergebnis von guter Jugendarbeit. Wenn ein Kind bei uns vernünftig ausgebildet wird und dann den Sprung in ein Nachwuchsleistungszentrum schafft, dann haben wir unseren Job gemacht.
Vorstandsarbeit im Ehrenamt – wie viele Stunden steckst du da rein?
Ich zähle nicht mehr. (lacht) Aber es ist viel. Und es ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn du ein Umfeld hast, das es immer besser weiß. Jeder hat eine Meinung, jeder wüsste, wie man es richtig macht.
Wie gehst du damit um?
Irgendwann musst du abschalten können. Wenn ich sehe, wie sich der Verein entwickelt hat, wie viele Kinder und Jugendliche wir heute erreichen – dann lohnt sich jede Stunde. Das ist mein Antrieb.
Mal grundsätzlich gefragt: Was läuft im Amateurfußball falsch?
Einiges. Da werden Spieler „transferiert“ – auf Kreisliga-Niveau! Wie kommt so etwas zustande? Der Spieler wechselt nicht zwei, drei Ligen runter wegen der Vereinsphilosophie oder Tradition. Da geht es um Geld. Und dann wundert man sich, warum das Geld für Tore, Bälle und Leibchen fehlt.
Was beobachtest du noch?
Diese Aufzugvereine. Du kennst das: Eine Mannschaft steigt auf, nächste Saison wieder ab. Dann wieder hoch, dann wieder runter. Das ist kein Zufall. Da wird eine Truppe zusammengekauft, es funktioniert eine Saison, und dann? Dann sind die Spieler weg, das Geld ist weg, und der Verein steht wieder da, wo er angefangen hat. Oder schlechter.
Und das Problem dabei?
Es ist nicht nachhaltig. Du baust nichts auf. Du hast keinen Kern, keine Identität. Spieler kommen und gehen, je nachdem wer am meisten zahlt. Und am Ende bleiben die Ehrenamtlichen übrig, die den Laden am Laufen halten – während andere sich feiern lassen.
Wie macht ihr das beim SV 07?
Wir investieren in die Basis. In Ausrüstung, in Ausbildung, in Strukturen. Das ist weniger sexy als ein „Transfer“, aber nachhaltiger. Und am Ende zählt, was auf dem Platz und im Verein passiert – nicht was in irgendwelchen WhatsApp-Gruppen erzählt wird.
Stichwort Strukturen: Der Verein nähert sich 2027 seinem 120-jährigen Bestehen. Wie sieht es mit der Anlage aus?
Aktuell haben wir den Kunstrasen als Pachtobjekt. Das funktioniert, aber als wachsender Verein denkst du natürlich weiter. Wir brauchen perspektivisch wieder ein Vereinsheim. Einen Ort, an dem der Verein zusammenkommt. Nicht nur zum Kicken, sondern als Gemeinschaft.
Ist das realistisch?
Wir hoffen auf eine gute Zusammenarbeit mit der Kommunalpolitik. Die Stadt Raunheim weiß, was der SV 07 leistet – für den Sport, aber auch für die Gesellschaft. Über 500 Mitglieder, davon ein Großteil Kinder und Jugendliche. Das ist Integration, das ist Prävention, das ist Gemeinschaft. Wenn wir diesen Traum gemeinsam realisieren können, wäre das ein würdiges Geschenk zum 120-jährigen Jubiläum.
Ihr seid ja nicht mehr nur zu zweit im Vorstand. Wer unterstützt euch?
Wir haben in den letzten Jahren den Vorstand erweitert. Mit Corinna Schaub, Richard Nerger und Bayram Benli sind Leute dazugekommen, die richtig anpacken. Das war wichtig. Das jetzige Vorstandsteam kann nicht alles alleine stemmen – das wäre bei dieser Vereinsgröße auch gar nicht mehr möglich. Jeder bringt seine Stärken ein, und gemeinsam verteilen wir die Last auf mehrere Schultern.
Was bedeutet das für den Verein?
Stabilität. Wenn einer mal ausfällt, bricht nicht alles zusammen. Und es kommen neue Ideen rein, neue Perspektiven. Das tut jedem Verein gut. Wir sind keine One-Man-Show – wir sind ein Team.
Du bist seit 1992 im Verein – über 30 Jahre. Was war dein schönstes Erlebnis?
Schwierig. In der Vorstandsfunktion auf jeden Fall die Einweihung unseres Kunstrasenplatzes. Das war ein Moment, wo du merkst: Es hat sich gelohnt. Jahre der Arbeit, unzählige Gespräche, Anträge, Rückschläge – und dann stehst du da, der Platz ist fertig, die Leute feiern, die Kinder spielen. Das war emotional. Da wusste ich: Dafür machst du das.
Und als Spieler?
Das war in der B-Jugend. Wir hatten ein Auswärtsspiel gegen TV Haßloch. Mein Opa war Alt-Haßlocher und kam vorbei, um sich das Spiel anzuschauen. Da war der persönliche Ansporn natürlich riesig. Und dann konnte ich in der letzten Minute als Abwehrspieler den Ausgleichstreffer erzielen. Das Unentschieden hat sich angefühlt wie ein Sieg.
Was macht diese Erinnerung so besonders?
Dass mein Opa dabei war. Solche Momente vergisst du nicht. Das ist es doch, was Vereinsfußball ausmacht: Familie, Emotionen, Geschichten. Nicht Geld, nicht Titel – sondern diese Augenblicke.
Letzte Frage: Wo siehst du den SV 07 in weiteren zehn Jahren?
Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann werden wir weiter wachsen. Aber gesund wachsen. Mit Substanz. Mit einem eigenen Vereinsheim, genug Trainern für jedes Kind, das bei uns spielen will, und vielleicht noch weiteren Sparten. Und dass wir in zehn Jahren immer noch sagen können: Der SV 07 macht die Dinge richtig – nicht schnell.
Werde heute noch Mitglied
Dein Verein in
Raunheim
Die Nachfrage nach einer Mitgliedschaft sind extrem
hoch und unsere Plätze begrenzt.
Sichere dir deinen Platz und starte noch heute im
Fußball durch!